Die Messewelt ist bunt. Das gilt auch für die zahlreichen Fachmessen und deren zum Teil sehr unterschiedlich denkende und agierende Veranstalter. Deshalb fragen wir in der Reihe „Was zeichnet eine gute Fachmesse aus?“ unterschiedlichste Experten aus der Messebranche. Dieses Mal verrät uns Tina Engelhard, welche Eindrücke sie im In- und Ausland sammeln konnte.

Was macht eine gute Fachmesse aus?

… und gibt es da einen Unterschied zwischen Asien und Deutschland/Europa?

Im Kern geht es bei einer guten Fachmesse um eine zielgruppengerechte Ansprache. Eine gute Fachmesse bringt die richtigen Aussteller und die richtigen Besucher zusammen. Beide wollen gute Kontakte und Gespräche führen. Aussteller wollen auf der Messe potentielle Käufer treffen und nicht die Kugelschreiber-einsammelnden Massen, die oftmals an Wochenenden über die Messen laufen. Somit müssen die Veranstalter auch umdenken, was die „richtige“ Anzahl der Besucher angeht. Es muss nicht immer „höher, schneller, weiter“ sein. Wichtiger als die Quantität ist hier die Qualität, so dass der Topf seinen passenden Deckel findet.

Damit da nicht nur die Massen kommen sondern qualifizierte und interessierte Besucher muss eine Fachmesse stets fokussiert und aktuell, also auch inhaltsgetrieben, sein. Eine Fachmesse ist immer auch der Spiegel einer Branche. Und diese muss man als Veranstalter einer Fachmesse kennen, permanent beobachten und dann in die Messehalle bringen.
Fachmessen in Asien sind dabei denen in Deutschland grundsätzlich sehr ähnlich. Allerdings habe ich beobachtet, dass die Bereitschaft für gute Inhalte auch Geld zu bezahlen, in Deutschland deutlich ausgeprägter ist. Wer ein begleitendes Konferenzprogramm anbietet, kommt in China schneller an die Grenzen der Wirtschaftlichkeit. Gute Redner haben ihren Preis, den wir in Deutschland bereit sind zu bezahlen. Während Fachbesucher in China gute Inhalte zwar auch wünschen, aber nicht bereit sind, dafür in ein Konferenzticket zu investieren.

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Volles Vortragsprogramm auf einer Fachmesse

Wie konsumieren Aussteller die Informationen über eine potentielle Fachmesse am liebsten?

… und gibt es da einen Unterschied zwischen Asien und Deutschland/Europa?

Aussteller konsumieren heute am liebsten auf digitalem Wege: E-Mails, Webseiten, Blogs etc. Allerdings ist die direkte Ansprache mit einem Telefonat oder einer gut gemachten gedruckten Ausstellerbroschüre immer noch förderlich. Die Gefahr der Überinformation ist einfach heutzutage sehr groß. Digitales rutscht uns und natürlich auch den Ausstellern eher einmal durch. Da ist so eine offline Erinnerung mit persönlicher Ansprache durchaus hilfreich.
Dafür ist das Digitale viel bequemer. Aussteller können sich digital umfassend informieren und auch gleich zur Messe anmelden oder Informationen bequem intern teilen.

#messedigital Das Digitale ist viel bequemer, aber so eine offline Erinnerung mit persönlicher Ansprache ist durchaus hilfreich. #marketing #akquise Klick um zu Tweeten

In Asien sind die Businesswelt und auch die Messewelt deutlich digitaler aufgestellt. In Indien gibt es beispielsweise ganz andere Werbeformen wie Whatsapp- oder SMS-Werbung. Deren große Akzeptanz und Einsatz liegt allerdings auch daran, dass die Post dort weniger zuverlässig ist – und das Thema „Datenschutz“ ist dort um ein vielfaches weniger ausgeprägt ist. Auch die Bereitschaft, digitale Bezahlsysteme zu nutzen ist in Asien deutlich größer. In Deutschland gilt oft noch die klassische postalische Rechnung mit Überweisung als einzig akzeptierte Bezahlmethode für Messestände.

Digitale Informationswege sind in, z.B. via Whatsapp

Digitale Informationswege sind in, z.B. via Whatsapp

Gehen Sie mit Ihren Messen in die Sozialen Medien? Und haben Sie den Eindruck, das ist für Ihre Aussteller relevant?

Die Fachmessen sind in den Sozialen Medien vertreten – allerdings nur in den relevanten Medien.

Für die Ausstellerakquise ist das weniger bedeutsam, aber die Aussteller nutzen die Reichweite des eigenen Kanals und das Momentum der Fachmesse. Das ist für sie einfach sehr praktisch. Sie können ganz bequem Reaktionen und Feedback einsammeln.

Wer eine Fachmesse in die Sozialen Medien bringen will, muss jedoch sehr genau schauen, wo er wie auftritt und die Vielfältigkeit der Kanäle beachten. Und dann muss der ausgewählte Kanal richtig betrieben werden – oder besser gar nicht.
Gerade wer eine Internationale Fachmesse in Social Media betreut, muss zusätzlich die länderspezifischen Kanäle beachten und möglicherweise auch betreiben. Und dann wird’s sehr komplex. Denken Sie nur mal daran, wenn Sie auch Social Media Kanäle in China nutzen wollen. Dann wird’s richtig anspruchsvoll und geht deutlich über das reine Übersetzen hinaus. Ein umfassender Auftritt in den Sozialen Medien ist sehr wichtig, aber wirklich nicht trivial.

Außerdem spielt auch hier die Zielgruppe eine Rolle. Wo hält sich diese normalerweise auf? Wie alt ist sie? Ist sie überhaupt onlineaffin? Oder geht’s bei der Fachmesse um Themen wie Marketing- und IT. Dann geht es ohne Social Media gar nicht. Wobei ich auch glaube, dass hier viel Hype und der schöne Schein dabei ist.

#messedigital #socialmedia Wer eine Fachmesse in die Sozialen Medien bringen will, muss den ausgewählte Kanal richtig betreiben – oder besser gar nicht. 👉 Klick um zu Tweeten
Social Media auch für Fachmessen relevant

Social Media auch für Fachmessen relevant

Worauf legen Aussteller sonst noch Wert?

Neben den richtigen Kunden und umfassenden Werbung, die der Veranstalter betreiben soll, wollen die sehen, wie sie im Wettbewerb dastehen. Die eigene Positionierung im Markt ist ein wichtiger Bestandteil des eigenen Messeauftrittes. Aussteller besuchen und beobachten sich auf Messen. Ein kleinerer Messestand als im Jahr zuvor kann schon für viele Gerüchte sorgen.

Außerdem erwarten Aussteller vom Veranstalter:

  • Professionalität,
  • Verlässlichkeit und
  • Matchmaking-Services. Sprich: Führe mir den richtigen Besucher zu.

Der Veranstalter darf sich einfach nicht ausruhen oder auch nur das Gefühl geben, sich auszuruhen. Das rächt sich binnen weniger Jahre.

Aussteller erwarten Qualität

Aussteller erwarten Qualität

#messedigital Messe-Veranstalter dürfen sich einfach nicht ausruhen oder auch nur das Gefühl geben, sich auszuruhen. Das rächt sich binnen weniger Jahre. 😱 Klick um zu Tweeten

Stichwort Interaktion. Gerade große und generische Messen stehen in der Kritik, Interaktion zu vernachlässigen. Nehmen Sie das auch wahr?

Bei den Flaggschiffen unter den Messen wird intern schon viel getan, um diese stets auf Kurs zu halten. Doch vieles davon bekommen wir als Externe gar nicht mit. Die großen Messen müssen genauso am Thema dran bleiben wie die kleinen. Und die einen schaffen das und andere eben nicht. Große Messen haben oft Branchenverbände im Nacken, die förderlich wie auch hinderlich sein können. Manchmal floppt auch ein innovatives Konzept. Die Gründe können ganz unterschiedlich sein. Das liegt u.a. auch daran, dass Messen – wie erwähnt – ein Spiegelbild ihrer Branche sind. Wenn es einer Branche wirtschaftlich schlecht geht, brechen auch dem Veranstalter die Aussteller weg. Mag das Konzept noch so innovativ sein.

Ein wenig neidvoll kann man schon auf die Shootingstars schauen, die wie aus dem Nichts plötzlich auftauchen und sehr groß werden. So wie die Bits & Pretzels oder OMR. Doch auch da dürfen wir uns fragen: Wie lange hält dieser Hype?

Festivalisierung von Messen funktioniert nur wenn die Zielgruppe passt

Festivalisierung von Messen funktioniert nur wenn die Zielgruppe passt

Ist Festivalisierung die Antwort auf die Suche nach dem richtigen Messekonzept und funktioniert das in jeder Branche?

Festivalisierung ist gut und richtig in einigen Branchen wie in der IT-Branche, im Marketing oder Service-Branchen und sorgt für eine ganz andere Aufmerksamkeit. Aber Festivalisierung muss zum Klientel passen und in den alten Industrien und deren Messen passt das Konzept eben nicht. Wer klassische Besucher, Aussteller und Geschäftsmodelle hat, braucht auch klassischen Messen und Medien.

Festivalisierung ist laut, sexy, anders, und lässt sich aus meiner Sicht aber nicht auf alle Veranstaltungen übertragen.

#messedigital #Festivalisierung muss zum Klientel passen und in den alten Industrien und deren Messen passt das Konzept eben nicht. Wer klassische Besucher, Aussteller und Geschäftsmodelle hat, braucht auch klassischen Messen und… Klick um zu Tweeten

Daten und Leads werden immer wichtiger. Was halten Sie von digitalen Tools fürs Leadmanagement oder fürs Matchmaking? Und wie sehr wird das in der Praxis überhaupt nachgefragt?

Matchmaking ist eine tolle Sache, wenn es gut funktioniert. Und wenn es auch in der Handhabung einfach funktioniert. Die Usability lässt oftmals noch zu wünschen übrig. Kein Aussteller oder Teilnehmer möchte sich durch 30+ Fragen klicken. Jedes Tool muss von allen Seiten einfach zu bedienen sein und mit vorhandenen Tools kompatibel sein – nur weil es Hip ist, muss man es nicht anbieten; man muss auch dahinter stehen und die nötigen Ressourcen dafür bereit stellen. Trivial sind solche Tools nämlich nicht.

Außerdem kommt es sehr auf die Zielgruppe an. Wenn die Besucher und die Aussteller eine gewisse Affinität zu solchen Tools mitbringen, dann ist so ein Matchmaking-Tool wirklich super. Wie oft habe ich nach einer Messe erfahren, dass ich einen Kollegen oder einen Bekannten dort hätte treffen können. Da hätte mir ein Networking- oder Matchmaking-Tool ganz sicher geholfen.

Matchmaking-Apps auf Messen sind sinnvoll

Matchmaking-Apps auf Messen sind sinnvoll

Was halten Sie von virtuellen Messen?

Relativ wenig. Eine Messe ist immer noch ein Ort, an dem sich Menschen kennen lernen wollen. Sie wollen sich sehen und auch etwas greifen können. Je größer die Investition, desto eher will ich meinen potenziellen Geschäftspartner vorher einmal kennen lernen.

Natürlich können wir die Inhalte einer Messe oder eines Vortrages auch digital konsumieren. Doch was zwischen den Vorträgen passiert, das ist doch das Interessante. Das Networking und die Gespräche die dann vor Ort in den Kaffeepausen entstehen, DAS ist neben den Inhalten das zweitwichtigste auf der Veranstaltung. Das geht digital einfach nicht oder zumindest nicht so gut.

Der menschliche Kontakt ist enorm wichtig Auf internationalem Paket noch viel mehr. Die Deutschen sind bekanntermaßen ziemlich sachlich unterwegs. Doch internationale Geschäfte lassen sich so sachlich einfach nicht abwickeln. Wenn wir uns persönlich treffen, können wir viele Dinge klären und lösen. Deshalb bin ich überzeugt: Messen wird es immer geben.

#messedigital Eine Messe ist immer noch ein Ort, an dem sich Menschen kennen lernen wollen. Sie wollen sich sehen und auch etwas greifen können. #reallife #reality #offline Klick um zu Tweeten
Virtuelle Messe als Alternative?

Virtuelle Messe als Alternative?

Was glauben Sie, wohin geht der Trend in Sachen (Fach-)Messe?

Auf Messeständen wird sich künftig das Virtuelle und Reale noch weiter vernetzen. So frage mich auch, ob wir künftig noch große Exponate auf die Messeplätze dieser Welt bringen werden. Oder ob Aussteller ihre Exponate dann nur noch mit einer VR-Brille oder ähnlichem präsentieren. Solche und ähnliche „Gimmicks“ sowie auch echte Mitmachaktionen werden ganz sicher zunehmen.

Auch die klassischen Drucksachen und Wegweiser werden sich verändern und die Art des Marketings. In Brasilien habe ich von einem Aussteller eine sms erhalten als ich an seinem Messestand vorbeigelaufen bin. Der erste Gedanke war, klassisch deutsch, woher hat der Aussteller meine Nummer? Mit der Marketingbrille muss ich jedoch sagen: tolle Werbung!

Und mit Blick auf die digitalen Wegweiser freue ich mich schon heute auf eine individuelle Laufwegplanung. Ganz so wie ich es aus meinem Alltag dank der Karten von Google schon kenne und mich auch komplett darauf verlasse.

Mit Blick auf die „digitale Spielereien“ wird es bei uns mit der DSGVO natürlich schwieriger sein als in nicht-europäischen Ländern. Aus Verbrauchersicht ist die DSGVO ist eine tolle Sache. Doch aus Unternehmersicht ist es eine Katastrophe, weil ich im internationalen Wettbewerb die europäischen Werbemethoden mit im Schlepptau habe. Als deutscher Veranstalter im Ausland wettbewerbsfähig zu sein ist enorm schwierig, wenn für die Player unterschiedliche Spielregeln gelten.

Eine gute Fachmesse hat im internationalen Wettbewerb die DSGVO im Schlepptau.

Eine gute Fachmesse hat im internationalen Wettbewerb die DSGVO im Schlepptau.

Über die Interviewpartnerin

Tina Engelhard – MesseExpertin

Tina Engelhard

Tina Engelhard studierte Internationale Betriebswirtschaft in Saarbrücken. Seit mehr als 16 Jahren ist sie in der Messewelt zu Hause: knapp 7 Jahre als Projektleitern der Personalfachmesse Zukunft Personal in Köln und Personal in Stuttgart/München; gefolgt von fast 10 Jahren als Leiterin Business Development und Marketing bei der Solar Promotion GmbH. In dieser Funktion entwickelte und organisierte sie weltweit zahlreiche Intersolar Konferenzen und Messen und trieb mit ihrem Team die Weiterentwicklung der Intersolar als Solarfachmesse zur Plattform für die neue Energiewelt „The smarter E“ voran.

Aktuell treibt Tina ihren eigenen Relaunch mit einer Weiterbildung zur Change Managerin voran.

Sie finden Tina Engelhard auch auf XING, LinkedIn und Facebook.

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